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Unwetter am Samstag: Markante Gewitterlinien

30. Juli 2012

Großer Hagel in Pack (Weststeiermark), Foto: UWZ-User "Stefan Hlustik"

Großer Hagel in Pack (Weststeiermark), Foto: UWZ-User "Stefan Hlustik"

Der vergangene Samstag brachte in weiten Teilen Österreichs Unwetter durch Sturm- und Orkanböen, großen Hagel und Starkregen: Der Hagelschwerpunkt lag in der südwestlichen Steiermark mit 2-4 cm Korndurchmesser. Lokale Vermurungen waren in Nordtirol (östliche Nebentäler des Wipptals) sowie in der Buckligen Welt ein Thema. Die heftigsten Windböen traten vom oberösterreichischen Zentralraum bis zum Weinviertel auf. Für diesen Blog-Eintrag von Interesse: Im Radarbild waren wirbelartige Bänder sichtbar, die beim Durchzug der Gewittersysteme auftraten. Wien wurde von den ärgsten Böen verschont - erst weiter östlich verstärkten sich die Gewitter wieder. Warum das so war, erfahrt ihr beim Weiterlesen:

Zunächst der Ablauf der Unwetterfront an der Alpennordseite (Copyright der Radarbilder: UBIMET/AUSTROCONTROL):

Radarbild um 15.00 MESZ:

 

 

 

 

 

 

 

 

Für Gewitterlinien an der Alpennordseite eher ungewöhnlich war die Entstehungsphase aus den Alpen heraus.

Radarbild um 17.00 MESZ:

 

 

 

 

 

 

 

 

Zwei Stunden später hatte sich eine ausgedehnte Linie entwickelt, die vom Inn bis zur Mur-Mürz-Furche reichte. Auffallend ist hier ein flächiges, vorlaufendes Band von schwachen bis mäßigen Regenintensitäten (blau und grün). Dieser vom Radarstrahl erfasste Niederschlag befand sich jedoch in größeren Höhen der Gewitterwolke und erreichte nicht bzw. in nicht messbaren Mengen den Erdboden. Das Spannende ist nun, dass die stärksten Böen nicht an der Vorderkante der blauen Echos, sondern unmittelbar vor den gelben/roten/violetten Echos auftraten, d.h. kurz, bevor der stärkste Niederschlag am Boden auftraf.

Was verursacht überhaupt die starken Winde bei Gewittern? Niederschlag, der zu Boden fällt, verdunstet teilweise - die zur Verdunstung notwendige Wärme wird der Umgebungsluft entzogen, sie kühlt ab, wird dadurch schwerer und sackt zu Boden. Ist zusätzlich Hagel dabei, kommt noch Abkühlung durch Schmelzen hinzu. Am Boden angelangt breitet sich die kalte Luft sternenförmig um das Gewitter herum aus. Ist die Kaltluft sehr schnell, so eilt sie dem Gewitter voraus und schneidet diesem die Warmluftzufuhr ab. Ist sie hingegen langsam, so bleibt die Kaltluft nahe am Gewitter - was dessen Lebensdauer verlängert.

In diesem Fall blieb die ausströmende Kaltluft nahe an der Gewitterlinie, die damit etwa 4 Stunden lang lebte und duchgehend Windspitzen von 90 bis 120 km/h brachte, lokal sicherlich auch etwas mehr.

Mit einer Ausnahme:

Radarbild um 19.00 MESZ:

 

 

 

 

 

 

 

 

Zwei Stunden später stand die Gewitterlinie unmittelbar vor dem Wiener Becken - sie war zu diesem Zeitpunkt von Wien aus auch optisch eindrucksvoll sichtbar - in Gestalt einer mehrschichtigen Regalwolke (der Fachbegriff heißt tatsächlich "Shelf Cloud"):

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Radarbild um 20.00 MESZ:

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Stunde später sah das Bild jedoch so aus: Die Gewitterlinie hatte sich genau über Wien abgeschwächt und östlich von Wien deutlich verstärkt. Was war nun geschehen? Die plausibelste Erklärung liefert der Wienerwald selbst. Die ausströmende Kaltluft floss über den Wienerwald, sank auf der windabgewandten Seite (= Wien) ab und prallte in weiterer Folge gegen die vorherrschende Warmluft im Wiener Becken. Dieses Absinken muss man als eine Art lokalen Föhn (hier besser: Bora) verstehen, der für Abtrocknung und Gewitterabschwächung sorgt. Weiter östlich war das Absinken nicht mehr wirksam, und beim Zusammenprall von Kaltluft und Warmluft bildete sich die Gewitterlinie neu (es geschah im Osten der Stadt).

Dieses Absinken hinterm Wienerwald geschieht recht häufig bei von Westen heranziehenden Gewitterlinien, weshalb Wien oft von Unwettern verschont bleibt. Ausnahmen waren der 21. und 22.6.2007,  der 23.7.2009 und 12.6.2010

Ergänzung:

Das Gewittersystem bildete am Abend spiralförmige Bänder aus - es handelte sich zu diesem Zeitpunkt um ein kleinräumiges Gewittertief. Kräftiger Nordwind (ausströmende Kaltluft) wehte in weiterer Folge am Alpenostrand und nährte damit eine weitere, markante Gewitterlinie:

Radarbild der Steiermark, 21.00 MESZ:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über Oberkärnten entstanden zunächst kräftige Gewitter, die großen Hagel und sintflutartigen Starkregen hervorbrachten. Sie vereinigten sich in der südlichen Steiermark zu einer geschlossenen, bogen- bis kommaförmigen Gewitterlinie. Diese verursachte gegen 21 Uhr im Oststeirischen Hügelland schneisenförmige Sturmschäden in einem Waldstück bei Strallegg. Dies deckt sich auch gut mit dem Radarbild, das genau dort eine nierenförmige Ausbuchtung zeigt. An dieser Stelle strömt rückseitig der Gewitterlinie trockene Luft aus höheren Luftschichten ein, weshalb die Intensität des Radarechos deutlich zurückgeht. Da die trockene Luft viel Niederschlag verdunsten lässt, entstehen kräftige Abwinde und entsprechend heftige Windböen (Meteorologen sprechen von einem sogenannten "Downburst", einer Fallwindböe).

Das besondere an der Situation war, dass dieses System entgegen dem oben erwähnten kräftigem bodennahen Nordwind zog, was vermutlich die bogenförmige Wirbelstruktur über der Oststeiermark und dem südlichen Niederösterreich begünstigte.

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