Kam selbst am 24.Oktober noch ins Schwitzen: Langgletscher im Lötschental (Bild: Fabienne Muriset, fotometeo.ch)Mit dem ersten Schneefall bis in die Niederungen ist die Zeit gekommen, den Blick auf das vergangene Sommerhalbjahr für eine Region zu schärfen, die häufig in den Statistiken untergeht: die Hochalpen. In den Niederungen war die Bilanz des Sommers je nach Blickwinkel zweigeteilt: Im Osten blieben die extremen Hitzewellen in
Erinnerung, im Westen hatten viele den Eindruck, der Sommer wäre gar nie so richtig in die Gänge gekommen. Doch wie sieht es für die Lagen oberhalb von 2000 m aus?
Das Sommerhalbjahr 2012 war geprägt von meridionalen Wetterlagen. Dieser Fachbegriff steht für Wetterlagen, bei denen nördliche, südliche und in den Übergangsphasen auch östliche Windrichtungen über Mitteleuropa vorherrschen. Dies im Gegensatz zum "Normalfall", den so genannten zonalen Wetterlagen mit überwiegend westlichen Strömungen. Mit nur wenigen Unterbrechungen überwog eine Großwetterlage, welche Westeuropa Tiefdruckeinfluss, Osteuropa hingegen Hochdruckeinfluss bescherte. Die Alpen lagen häufig genau in der Übergangszone dieser beiden Druckzentren, womit südliche bis südwestliche Höhenströmungen dominierten. Dies hatte zur Folge, dass meistens sehr warme Subtropenluft im Alpenraum das Wetter bestimmte. Dabei erzeugte die Druckverteilung auch ein ausgeprägtes West-Ost-Gefälle: Die Ostalpen waren häufig unter Hochdruckeinfluss, die Westalpen wurden vielfach von den Fronten der Tiefs über Westeuropa beeinflusst. Folgende Grafik verdeutlicht den Unterschied der Temperaturabweichungen in rund 3000 m über die Monate Mai bis Oktober gegenüber dem langjährigen Mittel:

Die Zufuhr feucht-warmer Luft hatte auch zur Folge, dass der Sommer in den Alpen insgesamt zu nass ausfiel. Auch hier war das West-Ost-Gefälle deutlich: Im Westen überwogen Frontniederschläge bei gleichzeitigem Sonnenscheinmangel, im Osten auf der warmen Seite der Fronten machten immer wieder verheerende Unwetter Schlagzeilen. Für die Hochalpen sind kühle, niederschlagsreiche Sommer insbesondere für die Gletscher erholsam, doch wie folgende Aufstellung zeigt, waren sämtliche Monate in den Hochalpen zu warm:

Ein Wärmeüberschuss von rund zwei Grad gegenüber dem Klimamittel bedeutet auch, dass die Schneefallgrenze im Schnitt rund 200 Meter höher lag. Im Hochsommer hat dies zur Folge, dass Regen nicht nur auf das Zehrgebiet, sondern auch auf das Nährgebiet der Gletscher fällt. Eine vollständige Ausaperung der Gletscher bis zum Ende des Sommers war somit keine Überraschung, und viele Gletscher verloren in diesem Sommer zwei Meter und mehr an Mächtigkeit. Auch der Längenschwund vieler Gletscher erreichte in diesem Sommer Rekordwerte, die teilweise sogar jene des Hitzesommers 2003 übertrafen. Meldungen von umstürzenden Gipfelkreuzen (z.B. auf dem 3905 m hohen Ortler in Südtirol und auf dem 3662 m hohen Großvenediger in den Hohen Tauern) zeigen zudem auf, dass auch die Gipfelregionen zunehmend an deutlichem Schneeverlust und unter dem Auftauen der Permafrostböden leiden.
Klima- und Gletscherforscher ziehen in der Regel im September Bilanz über den Verlauf des Gletscherschwunds, doch dieses Jahr wartete auch der Oktober mit Rekordtemperaturen im Hochgebirge auf: An vielen Bergstationen fielen die Maximalrekorde seit Messbeginn für den Monat Oktober oder die zweite Monatshälfte. So wurden am 24. Oktober auf dem Jungfraujoch +5,1 Grad erreicht, und die 15,4 Grad bei der Rudolfshütte (2304 m) in den Hohen Tauern am 20. Oktober bedeuten einen neuen Oktober-Rekord für diese Station. Eine "Hitzewelle" dieses Ausmaßes im Oktober bedeutet eine markante Verlängerung der Schmelzphase für die Gletscher. Alles Andere als ein Rekordjahr des Gletscherschwundes in den Alpen wäre daher eine Überraschung. (fm)
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